Monday, March 21, 2011

Gespräche mit Brandes [I]


Über die Weltliteratur
Georg Brandes (1842-1927)
Huiwen Zhang

Die Redaktion dieser Zeitschrift hat mich veranlaßt, mich über den Begriff einer Weltliteratur hier zu äußern. Ich fürchte, nicht imstande zu sein, eine befriedigende Antwort zu geben. Ich weiß zwar, daß jenes Wort von Goethe stammt, doch ist es mir augenblicklich nicht gegenwärtig, in welchem Zusammenhang er das Wort gebrauchte. Es schwebt mir dunkel vor, daß er für die Zukunft eine Weltliteratur im Gegensatz zu den früheren Nationalliteraturen weissagt.
Wie verhält sich die Weltliteratur Goethes Meinung nach den Nationalliteraturen gegenüber?
Brandes erinnert sich an Goethes Konzeption von einer neuen, in die Zukunft hinausblickenden Literaturform im Gegensatz zu den früheren Nationalliteraturen.
Wenn ich nun ohne Rücksicht auf den großen Urheber des Wortes mir selbst die Frage stelle: was ist Weltliteratur? – So kommt es mir vor, daß man in erster Linie an die Werke der naturwissenschaftlichen Entdecker und Erfinder denken muß. Was Pasteur, was Darwin, was Bunsen oder Helmholtz geschrieben haben, das ist unbedingt Weltliteratur, es wendet sich direkt an die Menschheit und bereichert die ganze Menschheit. Gewisse Reisebeschreibungen, wie die von Stanley oder von Nansen, gehören auch unzweifelhaft dazu.
Warum muß man in erster Linie an die Werke der naturwissenschaftlichen Entdecker und Erfinder denken?
Weil sie Brandes zufolge die Herausforderung der Weltliteratur aufnehnmen.
Auf welche Weise gehören sie (bzw. Reisebeschreibungen) der Weltliteratur an?
Sich direkt an die Menschheit wenden und die ganze Menschheit bereichern.
Welche Charaktere haben sie?
Als wissenschaftliche Werke endgültig und definitiv.
Die Werke der Geschichtsschreiber, selbst der größten, scheinen mir nicht ganz auf dieselbe Weise der Weltliteratur anzugehören, weil sie der Natur der Sache gemäß weniger endgültig sind, notwendiger Weise ein sehr persönliches Gepräge haben und sich dadurch mehr an die dieser Persönlichkeit einigermaßen nahestehenden Landsleute des Verfassers wenden. So vorzügliche Werke, wie ... sind trotz aller Gelehrsamkeit und alles Geistes ihrer Verfasser als wissenschaftliche Werke nicht definitiv, können nur, insofern sie Kunstwerke sind, als unzerrüttlich betrachtet werden, was ja nicht ausschließt, daß sie im Original oder in Übersetzungen den Hauptvölkern Europas und Amerikas bekannt sind. Doch wenn man von Weltliteratur spricht, gedenkt man wohl zunächst und am häufigsten der schönen Literatur in all ihren Formen.
An wen wenden sich Brandes Meinung nach die Geschichtsschreibungen?
An die Landsleute des jeweiligen Geschichtsschreibers, die seiner Persönlichkeit nahestehen.
Welche Charaktere haben sie im Vergleich zu naturwissenschaftlichen Schriften?
Als wissenschaftliche Werke weniger endgülig und definitiv, weil sie ein persönliches Gepräge haben; als Kunstwerke jedoch—höchstwahrscheinlich aus demselben Grunde!—unzerrüttlich, also unerschöpflich.
Was ist die „schöne Literatur“?
Die Verdeutschung des seit dem 17. Jh. in Frankreich gebräuchlichen „belles-lettres“.
Warum fängt Brandes nicht unmittelbar mit der „schönen Literatur“ an, sondern macht einen „Umweg“ durch naturwissenschaftliche Schriften und Geschichtsschreibungen?
Ich vermute, Brandes wollte zunächst zwischen zwei Weisen differenzieren, auf die bestimmte einzelne Werke der Weltliteratur angehören. Die erste ist die der Naturwissenschften, die dem Wesen gemäß endgültig und definitiv sind und sich direkt an die ganze Menschheit wenden; die zweite ist die der Geschichtsschreibungen (und möglicherweise der schönen Literatur), die notwendigerweise ein sehr persönliches Gepräge des Verfassers haben und sich deshalb mehr an dessen Landsleute wenden.
Über die Literatur der vergangenen Zeiten hat die Zeit selbst gerichtet. Wenige Schriftsteller von vielen tausenden, wenige Werke von hunderttausenden gehören der Weltliteratur an. Namen solcher Männer und Werke hat jedermann auf der Zunge: die „Divina Commmedia“ gehört nicht Italien, der „Don Quijote“ nicht Spanien allein. Neben den weltberühmten Werken giebt es dann unzählige, die in den Ländern, wo sie ans Licht traten, bewahrt, geliebt oder geehrt und bisweilen gelesen werden, ohne außerhalb des Landes bekannt zu sein. Shakspere gehört der Weltliteratur, sein großer Zeitgenosse und Vorläufer Marlowe der englischen an. So ist Klopstock nur deutsch, Coleridge nur englisch, Slovacky (Slowacki) nur polnisch. Für die Welt sind sie nicht da.
Wer urteilt darüber, ob ein Werk der vergangenen Zeiten der Weltliteratur angehört?
Die Zeit selbst.
Welche Dimension außer der zeitlichen muß dabei miteinbezogen werden?
Geographische Grenzen.
Wie versteht Brandes hier „die Welt“?
Anderswo als daheim.
Indessen ist ein recht großer Unterschied zwischen älteren und neueren Zeiten insofern zu bemerken,als heutzutage teils fremde Sprachen häufiger und besser gelernt werden,teils die Übersetzungswirksamkeit einen außerordentlichen Aufschwung genommen hat, und in keiner Literatur wird wohl so viel übersetzt, wie in der deutschen.
Was macht den Unterschied zwischen älteren und neueren Zeiten?
Der Zugang (des Lesers) zu Fremdsprachen, entweder durch eigene Aneignung oder durch Vertrauen auf die Übersetzung der anderen.
Was schreibt Brandes der deutschen Literatur zu?
Den Eifer und das Streben, die anderen Literaturen ins Deutsche zu übersetzen (und womöglich zu integrieren), um sie selber zu bereichern.
Es ist indessen trotz aller Übersetzungslust unzweifelhaft, daß die Schriftsteller der verschiedenen Länder und Sprachen ungeheuer verschieden gestellt sind mit Rücksicht darauf, den Weltruhm zu erreichen oder auch nur gebührend anerkeannt zu werden. Am besten gestellt dürfen die französischen Schriftsteller sein, obgleich die französische Sprache vielleicht, was die Verbreitung betrifft, nur die fünfte Stelle einnimmt. Wenn ein Schriftsteller in Frankreich durchgedrungen ist, so ist er über die ganze Erde bekannt. In zweiter Linie erst kommen Engländer und Deutsche, die jedoch, wenn sie Erfolg haben, auf ein unermeßliches Publikum rechnen können. Die Schriftsteller dieser drei Nationen allein dürfen hoffen, von den Gebildetsten aller Nationen im Original gelesen zu werden.
Was kann die Übersetzungslust der Moderne nicht vermeiden?
Die Hierarchie der Sprachen.
Welche Länder bzw. Sprachen laut Brandes das Privileg genießen, im Original gelesen zu werden?
Französisch, Englisch, und Deutsch.
Wie sieht es zu unsrer Zeit aus also?
Momentan ist Englisch offenbar die Universalsprache.
Itanlienische und Spanische Schriftsteller sind viel weniger bevorzugt, werden jedoch von einem bedeutenden Leserkreis außerhalb ihrer Geburtsländer gelesen. Von russischen Schriftstellern gilt dieses nicht, aber die Millionenzahl der russischen Bevölkerung büßt darauf.
Brandes Beschreibung der russischen Literatur erinnert mich an die chinesische.
Wer dagegen finisch, ungarisch, schwedisch, dänisch, holländisch, griechisch u.s.w. schreibt, ist im universellen Kampf um den Weltruhm augenscheinlich im höchsten Grade ungünstig gestellt. Ihm fehlt in diesem Kampfe seine Waffe, seine Sprache, d.h. für den Schriftsteller fast alles.
Das ist das erste mal, daß Brandes von dänischer Literatur spricht. Ihm zufolge ist sie der Sprachenhierarchie unterworfen und im literarischen Weltatlas ungünstig gestellt.
Da sich dieser Artikel vor allem ans deutsche Publikum wendet, weist Brandes damit auf diejenigen Werke hin, die trotz des der deutschen Literatur immanenten Übersetungseifers vielleicht immerhin weggelassen sind.
Es ist unmöglich, irgend etwas Künstlerisches in einer anderen Sprache, als in seiner eigenen zu schreiben. Darüber ist wohl alle Welt einig. Aber die Übersetzungen! wendet man mir ein. Ich gestehe die Ketzerei, daß ich sie nur als einen traurigen Notbehelf betrachten kann. Sie schließen die sprachliche Kunst aus, wodurch sich eben der Schrifsteller behaupten sollte, und je besser, je größer er in seiner Sprache ist, um so mehr verliert er.
Der Übersetzung gegenüber nimmt Brandes eher eine pessimistische Haltung ein.
Die notwendige Unvollkommenheit der Übersetzungen hat die Folge, daß ein Schriftsteller sechsten Ranges, der eine verbreitete Sprache, eine Weltsprache schreibt, mit Leichtigkeit bekannter wird, als ein Schriftsteller zweiten Ranges, dessen Sprache nur von wenigen Millionen gesprochen wird. Wer die Literaturen kleiner und großer Länder kennt, wird das willig einräumen; aber die Bewohner der großen Länder wollen es in der Regel nicht glauben.
Erneuert macht Brandes das deutsche Publikum auf die großen Schriftsteller kleiner Länder aufmerksam.
Eine einzige Konzession macht man: lyrische Gedichte lassen sich schwerlich übersetzen, verlieren dadurch jedenfalls immer viel, und gewöhnlich wird der Versuch, sie zu übertragen, ja schon aus dem Grunde nicht gemacht, weil es sich in keiner Weise lohnt. Der Deutsche begreift auch leicht, daß wer Goethes Gedichte nur aus einer Prosa-Übersetzung kennt, sie unmöglich zu würdigen vermag. Der Franzose kann sich Werke von Victor Hug oder Leconte de Lisle gar nicht in eine fremde Sprache übertragen denken. Bei Prosawerken aber gilt der durch die übersetzung erlittene Verlust nach der allgemeinen Ansicht für nicht sehr groß. Mit Unrecht. Er ist und bleibt ungeheuer, unermeßlich, wenn auch weniger auffallend als bei Gedichten. Die Wahl und der Klang der Worte, der Wohllaut und die Architektur der Sätze, die Eigentümlichkeiten des sprachlichen Ausdruckes, alles verschwindet. Übersetzungen sind nicht einmal Abgüsse.
Als Übersetzer sehe ich oft dieselben Schwierigkeiten, doch bin ich zuversichtlich, endlich eine oder mehere Lösungen zu finden.
Selbst derjenige, der im Gedanken an künstlerisch ausgeführte Übersetzungen geneigt ist, den Übersetzer überhaupt höher zu schätzen, wird jedenfalls nicht leugnen, daß die Schriftsteller der verschiedenen Völkerschaften gegenüber der Erreichung des Weltruhnms recht ungleich gestellt sind.
Auf dem Umweg über das Übersetzungsproblem gelangt Brandes erneuert ans Ziel, die Ungleichheit unter den Nationalliteraturen zu offenbaren.
Man hat allerdings gesehen, daß einige Dichter, die wie Ibsen eine wenig verbreitete Sprache schreiben, überall durchgedrungen sind, und sogar viel geringere Geister als Ibsen. Ist nun dieser Weltruhm bei den Zeitgenossen, dieser Weltruhm in der Gegenwart entscheidend? Bedeutet er, daß Meister und Werk wirklich bleibend der Weltliteratur angehören? – Man muß sehr optimistisch sein, um es zu glauben. Der Weltruhm scheint mir ein überaus schlechter Maßstab für das Verdienst zu sein.
Nach der Beobachtung geographisch-sprachlicher Elemente nimmt Brandes die zeitlich-inhaltlichen Momente unter die Lupe.
Wie verhält sich der Weltruhm zur Weltliteratur?
Der Weltruhm ist zeitlich begrenzt; die Weltliteratur ist auf Dauer.
Ist die Welt in „Weltruhm“ identisch mit der in „Weltliteratur“?
Die Welt des „Weltruhms“ richtet sich, denke ich mir, nach der Gegenwart bzw. den Zeitgenossen; die Welt der „Weltliteratur“ entspricht dagegen der ganzen Menschheit und ihrer unaufhörlichen Entwicklung.
Erstens giebt es Persönlichkeiten, die ihn gewinnen, ohne ihn irgendwie zu verdienen. Wenn ihr Niveau mit dem Niveau der allgemeinen Bildung oder des allgemeinen Geschmackes zusammenfällt, und wenn sie einem großen Volke angehören, gelingt es ihnen leicht, überall bekannt zu werden. Georges Ohnet ist überall gelesen. Und der Schriftsteller braucht nicht geradezu fade zu sein, nicht direkt den herrlichenden Vorurteilen zu dienen, um allgemeines Aufsehen zu erregen, er kann es indirekt sein, indem er auf grobe, oberflächliche Weise, kraft einer flachen Bildung, der flachen Bildung widerspricht, z.B. gegen monarchische, kirchliche, aristokratische Vorurteile eifert. Man hat Schriftsteller gesehen, die, aller künstlerischen Bildung und jeglichen Kunstsinnes bar, dadurch berühmt wurden,daß sie gegen die größten Künstler, Dichter, Denker ihrer Zeit mit plumper Überlegenheit loszogen und sie von oben herab als schwachsinnig oder irrsinnig behandelten. Dem großen Haufen in den meisten Ländern imponiert dieses Auftreten, und das Zusammengeschmierte wird der „Weltliteratur“ eingereicht.
Wer laut Brandes verdient den Weltruhm überhaupt nicht?
Diejenigen, die dem Durchschnittlichen (sei es hinsichtlich der Bildung oder des Geschmackes) entgegenkommen, direkt oder indirekt den herrlichenden Vorurteilen dienen, und die größten Geister deswegen verabscheuen, um Aufsehen zu erregen.
Warum sind solche Schriftsteller erfolgreich?
Weil das durchschnittliche Publikum sich von ihnen beeindrucken lassen und mit ihren Werken die Weltliteratur assoziiert.
Umgekehrt scheint es sehr oft auf reinen Zufall zu beruhen, daß dieser oder jener Schriftsteller ersten Ranges unberühmt stirbt und nach seinem Tode unberühmt bleibt.
Ich glaube nicht, daß Brandes an reinen Zufall glaubt.
Sein Artikel selbst ist ein Versuch, die Schriftsteller ersten Ranges aus der Vergangenheit und Vergessenheit zu retten.
Einige Beispiele aus der Literatur, die ich am besten kenne, liegen mir nahe. Von allen Schriftstellern Dänemarks im neunzehnten Jahrhundert hat ein einziger, Hans Christian Andersen, einen Weltruf gewonnen. Die Sache hat in Dänmemark lange Staunen erregt. Bei uns ist Andersen nie anders und mehr als einer unter recht vielen gewesen. Er gehört unseren Größten nicht an, ja er wurde zu seinen Lebzeiten nicht einmal als der erste der in zweiter Linie hervortretenden betrachtet. Ich kann hinzufügen: auch nicht nach seinem Tode. Er war als Geist unbedeutend, hat nie einen geistigen Einfluß ausgeübt. Er wurde als ein hochbegabtes, kindliches Wesen betrachtet, und diese Auffassung war nicht ungerecht. Er gehört nichtsdestoweniger der Weltliteratur an, denn er hat Kindermärchen geschrieben, die wegen ihrer allgemeinen Faßlichkeit überall anschlugen.
Das zweite Mal, daß Brandes von dänischer Literatur spricht. Die Behauptung, daß er diese am besten kennt, trägt dazu bei, das deutsche Publikum von seiner Einsichten in die einzelnen dänischen Schriftsteller zu überzeugen.
Wodurch nach Brandes erwirbt Andersen den Weltruhm?
Er schreibt nur, was allgemein faßbar ist, auch außerhalb seiner Heimat. Dabei helfen ihm seine Natur und Grenze („ein hochbegabtes, kindliches Wesen“). Mit ihm führt Brandes wohl ein Gegenbeispiel gegen die Schriftsteller ersten Ranges an, die gerade deswegen unberühmt sterben, weil sie mit ihren Schriften geistige Einflüsse ausüben, die sich aber erst später allgemein begreifen und anerkennen lassen.
In seiner „Einleitung in die Hauptströmungen der Literatur des 19. Jh.“ (1872), einem Text, der als Bezugspunkt für diesen Zeitungsartikel (1899) gilt, schreibt Brandes:
Selbst Umstände, welche die Entwicklung unserer Poesie begünstigt haben, sind uns hier hinderlich gewesen. So will ich einen Zug von Kindlichkeit in unserm Volkscharakter hervorheben. Wir verdanken dieser Eigenschaft die in ihrer Art fast einzige Naivität unserer Poesie. Naivität ist die in eminentem Sinne poetische Eigenschaft, und man findet sie bei fast all’unseren Dichtern von Oehlenschläger und Ingemann bis zu Andersen und Hostrup. Aber Naivität ist kein revolutionärer Hang.
Wenn Brandes bedauert, daß sein kleines und abseits gelegenes Vaterland „nicht erster Hand irgend eine große europäische Geistesbewegung hervorgebracht hat“ und dies als „Unglück“ bezeichnet, ahnen wir, warum er mit Kindlichkeit oder Naivität nicht zufrieden ist und was er mit „revolutionärem Hang“ meint.
Interessanterweise gibt es eine Parallele in der chinesischen Literatur. Das Werk, das unter anderem Goethe zur Konzeption einer Weltliteratur inspiriert, hält Qian Zhongshu, ein chinesischer Kritiker, für „nie anders und mehr als einer unter recht vielen.“ Es gehört der chinesischen Größten ebenfalls nicht an.
Fortsetzung folgt!

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