Wednesday, March 23, 2011

Diskussion zu dritt: Nietzsche, Brandes, und ich (2)

Nietzsche an Georg Brandes
Nizza, den 19. Februar 1888
Kommentiert durch Huiwen
Verehrter Herr, Sie haben mich auf das angenehmste mit Ihrem Beitrage zum Begriff »Modernität« verpflichtet; denn gerade diesen Winter ziehe ich in weiten Kreisen um diese Wertfrage ersten Ranges herum, sehr oberhalb, sehr vogelmäßig und mit dem besten Willen, so unmodern wie möglich aufs Moderne herunterzublicken  ... Ich bewundere – daß ich es Ihnen gestehe! – Ihre Toleranz im Urteil ebenso sehr wie Ihre Zurückhaltung im Urteil. Wie Sie alle diese »Kindlein« zu sich kommen lassen. Sogar Heyse! –
Ich ahne die Hochproduktivität und Ergiebigkeit der Auffassung, „so unmodern wie möglich aufs Moderne herunterblicken.“ Aber ich weiß nicht genau, was Nietzsche damit meint und was wir heutzutage darauf reagieren sollen.
Ich habe mir für meine nächste Reise nach Deutschland vorgesetzt, mich mit dem psychologischen Problem Kierkegaard zu beschäftigen, insgleichen die Bekanntschaft mit Ihrer älteren Literatur zu erneuern. Dies wird für mich, im besten Sinn des Worts, von Nutzen sein – und wird dazu dienen, mir meine eigene Härte und Anmaßung im Urteil »zu Gemüte zu führen«.
Offenbar erfüllt Brandes seine Pflicht, Nietzsche durch die ältere dänische Literatur, insbesondere den größten Kierkegaard, zu beeindrucken.
Gleichen Brandes’ Stärken (Toleranz und Zurückhaltung im Umteil) Nietzsches Schwächen (Härte und Anmaßung im Urteil) aus? In welcher Hinsicht wird dänische Literatur oder Mentalität für Nietzsche „von Nutzen“ sein?
Gestern telegraphierte mir mein Verleger, daß die Bücher an Sie abgegangen sind. Ich will Sie und mich mit der Erzählung verschonen, warum dies so spät geschehen ist. Machen Sie, verehrter Herr, eine gute Miene zu dem »bösen Spiel«, ich meine zu dieser Nietzscheschen Literatur.
Ich selber bilde mir ein, den »neuen Deutschen« die reichsten, erlebtesten und unabhängigsten Bücher gegeben zu haben, die sie überhaupt besitzen; ebenfalls selber für meine Person ein kapitales Ereignis in der Krisis der Werturteile zu sein. Aber das könnte ein Irrtum sein; und außerdem noch eine Dummheit – ich wünsche, über mich nichts glauben zu müssen.
Brandes’s letzter Band der Hauptströmungen: Das junge Deutschland. Hat Nietzsche ihn mit dem Wortwahl „die neuen Deutschen“ dazu inspiriert?
...
Zwischen den »Unzeitgemäßen Betrachtungen« und »Menschliches, Allzumenschliches« liegt eine Krisis und Häutung. Auch leiblich: ich lebte jahrelang in der nächsten Nachbarschaft des Todes. Dies war mein großes Glück: ich vergaß mich, ich überlebte mich  ... Das gleiche Kunststück habe ich noch einmal gemacht. –
Goethe, Novalis, Nietzsche, Rilke, usw.: der deutsche Gedanke von Krisis und Häutung!
So haben wir also einander Geschenke überreicht: ich denke ein Paar Wanderer, die sich freuen, einander begegnet zu sein?  ...

 To be continued!

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