Wednesday, March 23, 2011

Diskussion zu dritt: Nietzsche, Brandes, und ich (1)

Nietzsche an Georg Brandes
Nizza, den 2. Dezember 1887
Kommentiert durch Huiwen
Verehrter Herr, ein paar Leser, die man bei sich selbst in Ehren hält und sonst keine Leser – so gehört es in der Tat zu meinen Wünschen. Was den letzten Teil dieses Wunsches angeht, so sehe ich freilich immer mehr, daß er unerfüllt bleibt. Um so glücklicher bin ich, daß zum satis sunt pauci mir die pauci nicht fehlen und nie gefehlt haben. Von den Lebenden unter ihnen nenne ich (um solche zu nennen, die Sie kennen werden) meinen ausgezeichneten Freund Jacob Burckhardt, Hans von Bülow, H. Taine, den Schweizer Dichter Keller; von den Toten den alten Hegelianer Bruno Bauer und Richard Wagner. Es macht mir eine aufrichtige Freude, daß ein solcher guter Europäer und Kultur-Missionar, wie Sie es sind, fürderhin unter sie gehören will; ich danke Ihnen vom ganzen Herzen für diesen guten Willen.
Dabei denke ich mir zweierlei:
1.       Der Nebentitel von Also sprache Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen;
2.      Brandes’ Idealbild von einer Weltliteratur, die künstlerisch einer Festung gleicht, welche sich nicht wünscht, die ganze Welt zu verführen.
Freilich werden Sie dabei Ihre Not haben. Ich selber zweifle nicht daran, daß meine Schriften irgendworin noch »sehr deutsch« sind: Sie werden das freilich viel stärker empfinden, verwöhnt, wie Sie sind, durch sich selbst, ich meine durch die freie und französisch anmutige Art, mit der Sprache umzugehen (eine geselligere Art im Vergleich zu der meinen). Viele Worte haben sich bei mir mit anderen Salzen inkrustiert und schmecken mir anders auf der Zunge als meinen Lesern: das kommt hinzu. In der Skala meiner Erlebnisse und Zustände ist das Übergewicht auf Seiten der seltneren, ferneren, dünneren Tonlagen gegen die normalen mittleren. Auch habe ich (als alter Musikant zu reden, der ich eigentlich bin) ein Ohr für Viertelstöne. Endlich – und das wohl am meisten macht meine Bücher dunkel – es gibt in mir ein Mißtrauen gegen Dialektik, selbst gegen Gründe. Es scheint mir mehr am Mute, am Stärkegrade seines Mutes gelegen, was ein Mensch bereits für »wahr« hält oder noch nicht  ... (Ich habe nur selten den Mut zu dem, was ich eigentlich weiß.)
Es stellen sich die Fragen:
1.       Berücksichtigt Brandes die oben durch Nietzsche offenbarte Möglichkeit mit, zugleich „sehr deutsch“ und „undeutsch“ zu sein, wenn er jedem Schriftsteller vorschlägt, für seine Landsleute zu schreiben? Wie verhält sich der Schriftsteller mit seinen Landsleuten? Er kann doch selbst—oder gerade—ihnen fremd erscheinen, wie Nietzsche den meisten Deutschen.
2.      Wie läßt sich diese ‚Fremdheit in der Heimat‘ erläutern? Ausschließlich durch eine Art von Elitegedanken oder –vorstellungen?
3.       Was steht hinten Nietzches Präferenz für den Mut (bzw. den Stärkegrad des Mutes) im Gegensatz zu Dialektik und Gründen?
Der Ausdruck »aristokratischer Radikalismus«, dessen Sie sich bedienen, ist sehr gut. Das ist mit Verlaub gesagt, das gescheuteste Wort, das ich bisher über mich gelesen habe.
Aus welcher Perspective trifft Nietzsche den Wortwahl, „das gescheuteste Wort“? Was meint er mit „gescheutest“?
The two existent English translations render “das gescheuteste Wort” into “the cleverest thing” and “the shrewdest remark.”  They both consider “gescheuteste” Nietzsche’s misspelling of “gescheiteste.”  I, however, consider the possibility zero because of the context and the tone.  Before this passage Nietzsche talks about courage (“Mut/Stärkegrade seines Mutes”) after this passage he expresses his fear (“ich fürhcte mich”) and fate of going further in this direction (weil ich vorwärts muß). 
From this view, “das gescheutest Wort,” i.e. “the most feared word,” or “the word, before which I have most shrunk back,” not only perfectly fit in the context and tone, but also make the passage almost the most crucial moment of this letter—a moment that subtly and thoroughly manifests Nietzsche’s anxiety and determination, self-reflection and self-criticism, along with his joy and melancholy of realizing Brandes’ recognition of his own complex.
Wie weit mich diese Denkweise schon in Gedanken geführt hat, wie weit sie mich noch führen wird – ich fürchte mich beinahe, mir dies vorzustellen. Aber es gibt Wege, die es nicht erlauben, daß man sie rückwärts geht, und so gehe ich vorwärts, weil ich vorwärts muß.
            Das erinnert mich sofort an Lu Xuns Drama, „Der Vorübergehende“: 
            „Denn ich muß vorwärts.“ Warum?
Damit ich meinerseits nichts versäume, was Ihnen den Zugang zu meiner Höhle, will sagen Philosophie, erleichtern könnte, soll mein Leipziger Verleger Ihnen meine früheren Schriften en bloc übersenden. Ich empfehle insonderheit, deren neue Vorreden zu lesen (sie sind fast alle neu herausgegeben). Diese Vorreden möchten, hintereinander gelesen, vielleicht etwas Licht über mich geben, vorausgesetzt, daß ich nicht dunkel an sich (dunkel an und für mich –) bin, als obscurissimus obscurorum virorum  ...
 – Dies wäre nämlich möglich. –
 Sind Sie Musiker? Soeben gibt man ein Chorwerk mit Orchester von mir heraus, einen »Hymnus an das Leben«. Derselbe ist bestimmt, von meiner Musik übrigzubleiben und einmal »zu meinem Gedächtnis« gesungen zu werden; angenommen, daß sonst genug von mir übrig bleibt. Sie sehen, mit was für posthumen Gedanken ich lebe. Aber eine Philosophie wie die meine, ist wie ein Grab – man lebt nicht mehr mit. Bene vixit qui bene latuit – so steht auf dem Grabstein des Descartes. Eine Grabschrift, kein Zweifel!
Was bedeutet „Bene vixit qui bene latuit“?  Glücklich wer im Dunkel bleibt?
Begegnet Nietzsche hier gedanklich Kierkegaard, der „Die Krankheit zum Tod“ thematisiert?
Wie verhält sich Nietzsches Grab mit Brandes Festung? (Und mit Martin Luthers Burg/Church und Kafkas Schloß/Gesetz)?

To be continued!

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