Über die Weltliteratur
Brandes / Huiwen Zhang
Fortsetzung II
Heute Morgen kündigte ich an, Brandes’ differenzierte Perspektiven und Beobachtungen von seinen zeitgenössischen Schriftstellern in Dänemark (wie Möller, Heiberg, Ibsen, und Kierkegaard) zu vergleichen. Zur Erinnerung zitiere ich noch einmal ganz kurz aus seiner „Weltliteratur“:
Wer kennt außerhalb des skandinavischen Nordens den Namen Poul Möllers, der in Dänemark wie ein Halbgott verehrt wird? Wer kennt Johan Ludvig Heiberg, der zu Andersens Zeit als Diktator den Geschmack in Dänemark und Norwegen angab? ... Aber ich will mich nur an die eigentlichen Größen halten. Sören Kierkegaard, der größte religiöse Denker des skandinavischen Nordens, ist in Europa unbekannt. Er, von dem man glauben sollte, daß alle Vorkämpfer des Christentums in Europa sich mit ihm beschäftigen würden, wie vor zweihundert Jahren mit Pascal, gehört der Weltliteratur nicht an. Dies ist schade für die Weltliteratur, denn der verstorbene Philosoph erfährt dadurch keinen Verlust.
In seiner „Einleitung“ schreibt Brandes jedoch:
An einem solchen Geisteszustande prallen alle großen Ereignisse des Jahrhunderts ab. Der griechische Freiheitskrieg, dessen Ausbruch anderwärts das Signal zu so gewaltigen literarischen Umwälzungen giebt, der in Frankreich und Deutschland ganzen Schulen den Todesstreich versetzt und neue Schulen erweckt, der eine ganze Schriftstellerschaar veranlaßt, ihre Gesinnungsrichtung zu ändern und in den Dienst der Opposition zu treten, hinterläßt in der Poesie Dänemarks fast keine andere Spur, als jene berühmten Zeilen in Heiberg’s Vaudeville „König Salomon und der Hutmacher Iürgen“: „Was halten der Herr Baron von den griechischen Angelegenheiten?“ Ein Ereignis wie die Julirevolution von 1830 setzt sich bei einem so kühnen und freisinnigen Geiste wie Poul Möller kein anderes Denkmal, als jenes sonst so schöne und charakteristische Gedicht „Der Künstler unter den Rebellen“, ein Gedicht, welches durch seine Loyalität, seine ästhetische Gleichgültigkeit wider die Ereignisse der Außenwelt, seine grenzenlose Verachtung aller Gesellschaftsbewegungen die ganze Epoche in Dänemark abschildert. Für Poul Möller personificirten sich die Revolutionen wirklich in „zwei freisinnigen Jungen und einem lahmen Redakteur.“ Byron’s das halbe Jahrhundert beherrschende Poesie, welche durch seinen Heldentod rings über die Welt verpflanzt wird, gelangt auch zu uns, aber nur die Draperie gefällt hier, und man hütet sich wohl, die Gedanken und Typen sich anzueignen. Eine unsrer edelsten und schönsten Dichternaturen, der Bischofssohn Frederik Paludan-Müller, eignet sich das Versmaaß, den Rhythmus, den Stimmungswechsel, das barocke Hin- und Herschwanken zwischen Pathos und Ironie in den Byron’schen Heldengedichten an, aber nur um diese Form als Einkleidung für die ganze herkömmliche Denk- und Gefühlsweise zu benutzen. Er gießt den alten Wein in die neuen Schläuche und entwickelt seine Poesie nach und nach zu einem begeisterten Plaidoyer für ästhetische Moral und die starrste Orthodoxie. — Wenn man sich ein Land von Dänemarks Größe wie eine Art China verwaltet dächte und sich ein Gesetz vorstellte, kraft dessen in einer bestimmten Zeit nur theologische Kandidaten Stimmrecht in der Literatur und die Befugnis haben sollten, die Eindrücke von auswärts zu bearbeiten, so möchte es eine interessante Aufgabe sein, zu untersuchen, wodurch sich wohl eine solche, von Kandidaten des Predigtamtes verfaßte Literatur von einer großen Periode und Gruppe der unsrigen unterscheiden würde.
Es scheint, als sollte es uns nicht gelingen, etwas Typisches in einer anderen Form, als der abstrakt idealisirten und der abstrakt karikirten, auszudrücken. Auf all’ jene positiven Gestalten folgt eine Reihe negativer Bilder. Heiberg sammelt die Charakterzüge aus all’ seinen Vaudevilles zu einem Bilde des Kopenhagener Spießbürgers in dem Gedicht „Eine Seele nach dem Tode“, und Paludan-Müller schreibt sein Meisterwerk „Adam Homo", streng genommen der einzige wirklich typische und für einen Fremden lehrreiche dänische Roman. Derselbe verdichtet gleichsam die ganze Schlaffheit und Nichtswürdigkeit der europäischen Reaktionszeit zu einer Essenz. Adam Homo ist der Mensch im Allgemeinen, ja wohl, aber der Mensch aus der Zeit Christians VIII. Gleichzeitig verliert sich bei uns daheim die importirte philosophische Bewegung, die aufkeimende Hegel’sche Schule erstirbt, Heiberg wird durch Kierkegaard, und die Leidenschaft, zu denken, durch die Leidenschaft, zu glauben, abgelöst. Die philosophische Bewegung hört vorläufig auf, ohne ein Buch, geschweige ein Werk geschaffen zu haben, und die ethisch-religiöse Tendenz, welche jetzt beginnt, erhält ihre Parallele und ihre Fortsetzung innerhalb der Poesie. Eine Anzahl schöner, aber kindlicher Bauernnovellen, die Hirtenscenen unsres Jahrhunderts, folgen dem religiösen Strome. Aber höher und höher steigt der Enthusiasmus für positive Religion und ästhetische Moral. Man überbietet sich darin, Ideale aufzuthürmen, von deren schwindelnder Höhe die Wirklichkeit nur noch als ein fern liegender schwarzer Punkt erscheint.
Wohin hat diese Strömung geführt? Zu Gestalten wie Paludan-Müller’s „Kalanus", welcher sich in der Ekstase selbst auf dem Scheiterhaufen verbrennt, und wie Ibsen’s „Brand", dessen Moral, wenn man ihr folgte, die Hälfte der Menschheit veranlassen würde, aus Liebe zum Ideal zu verhungern.
Und damit haben wir geendet. Nirgends in ganz Europa so exaltirte Ideale, und an wenigen Orten ein platteres geistiges Leben. Denn man müßte doch äußerst naiv fein, um zu glauben, daß unser Leben jenen Typen entspräche. So stark ist die Strömung gewesen, daß selbst eine so revolutionär angelegte Natur wie Ibsen in dieselbe hinein gezogen ward. Ist „Brand" Revolution oder Reaktion? Ich wüßte es nicht zu sagen, so Viel hat dies Gedicht von dem Einen wie von dem Andern.
A.
Der (in „Weltliteratur“) dem deutschen Publikum als „Halbgott“ vorgestellte Möller, der dort als „Geschmacksdiktator“ dargestellte Heiberg, und der neben den beiden als „der größte religiöse Denker des skandinavischen Nordens“ angezeichnete Kierkegaard entpuppen sich hier ganz anders. Laut Brandes entkommen sie dem platten, ja absurden Geisteszustande Dänemarks nicht.
Vielmehr tragen sie dazu bei, entweder durch einen leichtsinnigen Humor, eine rückwärtsgewandte Einstellung und die starrste Orthodoxie, oder durch abstrakte Karikaturen, kindliche Gedanken und exaltierte, wirklichkeitsfremde Ideale, oder durch eine ästhetische Gleichgültigkeit wieder die Ereignisse der Außernwelt, eine grenzenlose Verachtung aller Gesellschaftsbewegungen und die ganze Schlaffheit und Nichtswürdigkeit der europäischen Reaktionszeit.
B.
An wen wendet Brandes mit seinem Schreiben? An wen richtet er seine Mahnung und Aufforderung? Wen spricht seine Kritik oder Lobrede an?
In dem Zeitungsartikel „Weltliteratur“ (1899) stellt Brandes dem deutschen Publikum ein vortreffliches, ihm jedoch noch völlig unbekanntes Wesen der dänischen Literatur vor. In der „Einleitung“ (1872) dagegen warnt Brandes seine Landsleute vor einer Gefahr, in einem versunkenen Geisteszustand zu sterben (siehe unten, C).
Dem jeweiligen Zielpublikum entsprechend differeniziert Brandes seine Haltung und seine Urteile. Das ist mehr als nur ein Gegenbeweis gegen die Behauptung zahlreicher dänischer Kritiker, Brandes liebe sein Vaterland nicht.
C.
Die rhetorische Frage, die Brandes am Ende des ersten Abschnitts stellt, läßt sich so umschreiben: Würde Dänemarks Literatur kraft kaiserlichen Befehls von protestantischen Predigern und deren wohlfeiler Meinung über die auswärtigen Befreiungsbewegungen des Jahrhunderts bestimmt, sie würde sich nicht von der schöngeistigen Langeweile unserer gegenwärtigen Literatur unterscheiden.
Offenbar kritisiert hier Brandes die ästhetizistische Pose der dänischen Autoren, die nicht die Kraft zum politischen Engagement aufbringen. In Dänemark sieht er ein Priesterliteratentum, das ihn in seiner Konservativität und Konformität an das Beamtenliteratentum Chinas erinnert.
Die satirische Natur des Ganzen ist offensichtlich. Man gieße die gesamte Bürokratie, Orthodoxie und Moralphilosophie, derer ein Riesenreich wie China vielleicht bedarf, in die die kleinstaatische Literatur Dänemarks, und man kriegt einen schönen alten Zopf, der alle Zöpfe Chinas an Nichtbeachtung neuer Moden (griechischer Freiheitskampf, Byron etc.) in den Schatten stellt.
Ist Brandes’ Kritik nur entlarvend oder zugleich produktiv? Auf welchem Weg wurde er zu einem Anreger einer literischen Blütezeit Dänemarks und einem Nietzsche-Verehrer?
To be continued!
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