Thursday, March 24, 2011

Diskussion zu dritt [3]

Brandes, Nietzsche, und Ich
Huwien Zhang
Am 11. Januar 1888 macht Brandes Nietzsche auf Sören Kierkegaard aufmerksam, als einen »der tiefsten Psychologen, die es überhaupt gibt«, muß aber bedauern, daß Kierkegaards Werke nur dänisch zu haben sind. Dennoch greift Nietzsche die Anregung auf: »Ich habe mir für meine nächste Reise nach Deutschland vorgesetzt, mich mit dem psychologischen Problem Kierkegaard zu beschäftigen.« Dazu kam es nicht mehr. Außerdem bleibt es fraglich, ob Kierkegaard als Philosoph für Nietzsche interessant, ja nur verständlich geworden wäre.
Dazu schrieb Nietzsche im April 1888: „Ein Jammer, daß ich weder Dänisch noch Schwedisch verstehe.“
Ich nehme an, die endgültig gescheiterte Einführung Kierkegaards in Nietzsches Gedankenwelt macht Brandes das Übersetzungsbedürfnis noch bewußter.

Brandes schrieb am 7. März 1888 zu Nietzsche: »Ich freute mich herzlich über all die frischen Bücher, blätterte und las. Die Jünglingsbücher sind mir viel wert; sie erleichtern mir ja sehr das Verständnis; ich steige jetzt bequem die Stufen hinauf, die zu Ihrem Geist hinaufführen. Mit Zarathustra fing ich zu überstürzend an. Es ist mir lieber, aufwärts zu schreiten, als kopfüber hinunter zu springen wie in ein Meer.«
Brandes weist richtig auf den Fehler hin, der noch heute von den meisten Nietzsche-Lesern gemacht wird: mit dem Zarathustra anzufangen. Diesen poetischen Exkurs (oder Exkurs ins Poetische) darf man erst zuletzt lesen. Nietzsche weist selber den Weg im Brief an Carl Spitteler, daß man mit dem ›Jenseits von Gut und Böse‹ beginnen müsse, denn es enthalte den Schlüssel.
      Gleicht Brandes „Festung“ nicht einem Gebaude vieler Türen ohne Schlüssel?

Brandes gibt Nietzsche auch kurz einen Blick in seine Existenz frei: »Äußerlich geht Ihr Leben dort unten wohl ruhig hin? Das meine ist ein Kampfleben, das verzehrt. Ich bin in diesen Ländern jetzt noch gehaßter, als ich es vor siebzehn Jahren war; es ist an sich nicht angenehm, doch auch insofern erfreulich, als es mir beweist, daß ich noch nicht erschlafft bin und in keinem Punkt meinen Frieden mit der allein herrschenden Mittelmäßigkeit gemacht habe.« Nun entflammt Nietzsches Begeisterung für den kühnen Vorkämpfer vollends.
Zu recht! Eben Brandes Persönlichkeit, sich voll für ein Kampfleben zu engagieren, fasziniert den Leser, heute wie gestern.  Diese tritt sich sicherlich auch in der ersten detuschen Ausgabe seiner „Einleitung“ in die Haupströmungen hervor.  Der Haß Deutschlands gegen Brandes war in der Tat Beweis für die Effektivität seiner Schriften!

Nietzsche schrieb am 27. März 1888 aus Nizza zu Brandes: »Zuletzt haben auch Sie mit dem Instinkte des Nordländers das stärkste Stimulans gewählt, das es gibt, um das Leben im Norden auszuhalten, den Krieg, den aggressiven Affekt, den Vikinger-Streifzug. Ich errate aus Ihren Schriften den geübten Soldaten; und nicht nur die ›Mittelmäßigkeit‹, noch mehr vielleicht die Art der selbständigeren und eigeneren Naturen des nordischen Geistes mag Sie beständig zum Kampfe herausfordern.«
Eine scharfe Beobachtung, die einen Bezugspunkt sowohl zu Brandes’ „Einleitung“ erster deutscher Ausgabe (1872; cf. Gespräch mit Brandes [III]) wie auch zu seiner Selbstreflexion Jahre später (1887) bietet, wenn er seine Umarbeitung der Hautströmungen (1882) zu erklären versuchte:
He explains that when he wrote the original work, he was engaged in active warfare with an intellectual tendency prevailing in Denmark, and that his book was a participation in that strife. “It was a polemical work. I attached the dead German Romanticists in order to strike, through them, the living Danish Romanticists.  I depicted them in order to combat them and every line was calculated for Denmark and Danish conditions.”  In the new work, which was intended for a wider field, the relation between Danish and German Romanticism, dwelt upon before, is subordinated, and relegated to an appendix.
The work is reconstructed, not only by interpolations and transpositions, but by a “series of delicate touches,” the effect of which Brandes summarizes in the following words: “The object of the work, which was primarily agitative, became entirely scientific: it was Danish, it is universal.”

Brandes schickt Nietzsche als Gegengabe sein Buch über die deutsche Romantik (1873, umgearbeitet 1883), muß aber warnend hinzufügen, daß vieles darin gegen sein Manuskript und sinnentstellend vom Korrektor und auch vom Verleger geändert wurde. ...
Wie wenig es brauchte, um für Nietzsches unruhig schweifende Gedanken als Kondensationskern zu dienen, erweist sich wieder einmal und fast erschreckend deutlich an Brandes' Buch. Nietzsche gesteht ihm am 27. März: »Ihre ›deutsche Romantik‹ hat mich darüber nachdenken machen, wie diese ganze Bewegung eigentlich nur als Musik zum Ziele gekommen ist (Schumann, Mendelssohn, Weber, Wagner, Brahms): als Literatur blieb sie ein großes Versprechen. Die Franzosen waren glücklicher. Ich fürchte, ich bin zu sehr Musiker um nicht Romantiker zu sein. Ohne Musik wäre mir das Leben ein Irrtum.« Und nun entsteht das antiromantische Manifest. Nietzsche greift »diese ganze Bewegung« dort an, wo sie – national als deutsches Ereignis – in ihrer Zusammenfassung von Dichtung und Musik, in Wagners »Gesamtkunstwerk« ihre höchste Ausbildung er-fahren hat: in den nächsten Monaten entsteht die Kampfschrift ›Der Fall Wagner‹ als Pamphlet gegen die deutsche Romantik.
Daß Brandes’ Kritik an die deutschen—und eigentlich auch dänischen—Romantiker Nietzsche zum Kampf gegen seine Landsleute und den deutschen Geist inspiriert, beweist aufs Neute die Werksamkeit einer spezifischen, zielgerichteten und problemorientierten Kritik.

Brandes hatte eine sichere Zuhörerschaft, auch wenn er über ein völlig unbekanntes Thema las. So kamen auch jetzt zu der ersten Vorlesung etwa 150 Hörer, was aber für ihn nicht viel bedeutete. Erst »als eine große Zeitung meinen ersten Vortrag referiert, und als ich selbst einen Artikel über Sie geschrieben hatte, war das Interesse rege, und die folgenden Male ist der Saal zum Bersten voll gewesen. Wohl ungefähr 300 Zuhörer achten mit der größten Aufmerksamkeit auf meine Auslegung Ihrer Arbeiten. Die Vorträge zu wiederholen, wie ich seit vielen Jahren pflege, habe ich jedoch nicht gewagt, weil das Thema so wenig populär ist.« »Sic incipit gloria mundi«, schreibt Nietzsche im Glücksüberschwang am 3. Mai Freund Deussen. Aber in alle Freude mischt sich beständig ein schwer zurückgehaltener Ingrimm darüber, daß ihm diese Anerkennung nicht in seinem trotz aller Vorwürfe, Kritik und Enttäuschungen heiß geliebten deutschen Vaterlande erwächst.
Für wen schreibt Nietzsche, an wen wendet er sich? –Für das gegenwärtige Deutschland, an seine zeitgenössischen Landsleute.
Welche Probleme beschäftigen ihn and werden von ihm thematisiert? –Deutsche Probleme oder die Probleme der Deutschen, heute wie gestern.
Von diesem Standpunkt aus stellt Nietzsche die Notwendigkeit dar, für ein konkretes (nicht unüberschaubares) Publikum zu schreiben und ein „nationales Gespräge“ zu tragen.
To be continued!

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