Monday, March 21, 2011

Gespräche mit Brandes [II]

Über die Weltliteratur
Georg Brandes
Huiwen Zhang
Fortsetzung I
Es gibt wenigstens ein Dutzend seiner literarischen Fachgenossen in Dänemark, die als Menschen weit bedeutender, als Dichter oder Schriftsteller nicht geringer ausgerüstet waren. Sie wurden aber nicht übersetzt. Sie konnten nicht übersetzt werden, sind lokale Berühmtheiten geblieben, freilich zum Ersatz in ihrem Vaterlande ganz anders geliebt, ja bisweilen vergöttert worden. Wer kennt außerhalb des skandinavischen Nordens den Namen Poul Möllers, der in Dänemark wie ein Halbgott verehrt wird? Wer kennt Johan Ludvig Heiberg, der zu Andersens Zeit als Diktator den Geschmack in Dänemark und Norwegen angab? Wer kennt Christian Winther, der etwa 1830-50 der größte lyrische Dichter Dänemarks war, und der noch immer ganz anders als Anderswen geliebt, gesungen und verehrt wird?
Brandes betont die menschliche Dimension—die Dimension der Humanität?—eines Schriftstellers. Das stimmt mit seiner Auffassung von einer Weltliteratur überein, die zwar nicht direkt an die Menschheit wendet, aber schließlich—oft auf Umwegen—die ganze Menschheit bereichert.
Aber ich will mich nur an die eigentlichen Größen halten. Sören Kierkegaard, der größte religiöse Denker des skandinavischen Nordens, ist in Europa unbekannt. Er, von dem man glauben sollte, daß alle Vorkämpfer des Christentums in Europa sich mit ihm beschäftigen würden, wie vor zweihundert Jahren mit Pascal, gehört der Weltliteratur nicht an. Dies ist schade für die Weltliteratur, denn der verstorbene Philosoph erfährt dadurch keinen Verlust. Eine Anzahl von seinen Werken, wie „Die Krankheit bis zum Tode“, „Die Stadien auf dem Lebenswege“, „Einübung ins Christentum“, verdienten überall gekannt zu sein. Niemand kennt sie.
Brandes schlug Nietzsche vor, Kierkegaard zu lesen.
Wie verhält sich der Weltruhm mit der Weltliteratur?
Laut Brandes schadet die Abwesenheit des Weltruhms den betroffenen Schriftstellern ersten Ranges nicht; sie schadet der Weltliteratur!
Es nützt nichts, seine Augen dafür zu verschließen: die größte Anzahl der Menschen ist blöde, unwissend, von geringer Urteilskraft. Das Beste ist ihr unzugänglich und das Feinste unverständlich. Sie geht dem lärmenden Marktschreier, dem gewaltsamen Charlatan nach. Sie betet den Erfolg an, und sie gehorcht der Mode. Zu seiner Zeit der Menschheit gefallen zu haben, genügt also nicht, um dauernd der Weltliteratur anzugehören.
Bis zu welchem Grad gilt Brandes Beobachtung—damals und heute?
Ist sie charakteristisch für einen „Elitegedanken“ und plädiert für die Geschlossenheit und Exklusivität einer „Elitegruppe“? Sieht er die Weltliteratur eher als einen „Elitebegriff“? Hat diese seine Auffassung mit jener des „aristokratischen Radikalismus“ zu tun?
Wisse das Bild. Denn am Ende des Artikel greift Brandes darauf zurück, wenn er von einer „Festung“ spricht!
Zudem betont Brandes wieder die zeitliche Dimension. Wir müssen uns in der Retrospektive fragen: hat er recht? Welche Meister und Werke, die der Menschheit ihrer Zeit gefielen, gehören heute noch der Weltliteratur an? Sollen wir uns nicht der Zeitdimension noch bewußter machen?
Heutzutage giebt es, soviel ich weiß, in Europa nicht Dichter, kaum Schriftsteller allerersten Ranges, Die besten ersetzen die großen Toten nicht, Ripling nicht in England, Gabriele d’Annunzio nicht in Italien. Aber sie sind aller Wahrscheinlichkeit nach weit berühmter, als die größter ihrer Vorgänger waren.
Spricht Brandes hier aus dem Unbehagen der Moderne?
Schlägt er vor, auf die Ur-Quelle zurückzugreifen, statt sich im Dschungel der Gegenwart zu verlieren?
   
To be continued!

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