Über die Weltliteratur
Fortsetzung III
Brandes/Huiwen Zhang
Auch ich gelange auf dem Umweg über Brandes „Einleitung“ ans Ziel. Nun kommentiere ich den letzten Teil seines Zeitungsartikels, „Weltliteratur“ (1899):
Zu unserer Zeit ist indessen noch, eben weil die Möglichkeit den Schriftstellern vorschwebt, allbekannt und überall gelesen zu werden, eine Erscheinung eingetreten, die vordem unbekannt war. Man fängt an, für ein unübersehbares abstraktes Publikum zu schreiben, und die Produktion nimmt dabei Schaden. Emile Zola giebt ein Beispiel ab. Seine große Romanserie, die Rougon-Macquart, wurde für Frankreich geschrieben und ist deshalb im ganzen konkret und sorgfältig gearbeitet. Seine Trilogie „Lourdes-Rome-Paris“ hat er, nachdem er den großen Ruhm errungen hatte, für die ganze Welt geschrieben, und er ist deswegen abstrakt geworden, wie nicht vorher. Er hat hier geschrieben, wie Sarah Bernhardt spielt, wenn sie in Peru oder Chicago auftritt. Wer stark wirken will, der muß seine Umgebung vor Augen haben, er muß da wirken, wo er geboren ist, für seine Landsleute schreiben, deren Bildungsstufe er kennt. Was für die Welt geschrieben wird, verliert für die allgemeine Verständlichekit an Saft und Kraft, hat nicht mehr das Aroma des Erdbodens. Ich könnte, wenn Namen nicht so odiös wären, große Schriftsteller nennen, die, nachdem sie von lokalen Berühmtheiten zu universellen geworden sind, in ihren Werken fremdem und geringerem Geschmack gehuldigt haben, als dem Geschmack ihres Volkes. Das Schielen nach Weltruhm und Weltliteratur enthält eine Gefahr.
Was entdeckt Brandes als zuvor unbekannte Erscheinung?
Den Schriftstellern wird die Möglichkeit bewußt, für ein unübershebares abstraktes Publikum zu schreiben und dadurch die ganze Welt zu gewinnen.
Warum schadet der mit diesem Bewußtsein verbundenen Ehrgeiz eines Schriftstellers seiner Produktion?
Wendet sich ein Werk an ein abstraktes Publikum, muß es selbst auch abstrakt sein.
„Abstrakt“ ist eine Schwäche, die Brandes an verschiedenen Stellen wiederholend kritisiert: abstrakte Karikatur, abstrakter Idealismus, abstraktes Publikum, abstrakte Welt, u.s.w. Ein abstraktes Wesen birgt in sich die Gefahr, an Saft und Kraft, an Bildungsniveau und Wirkung zu verlieren. Das Vertauschen der allgemeinen Verständlichkeit gegen Konkretheit, Sorgfalt und Differeniziertheit lohnt sich nicht. Die Bereitschaft, sich um des Weltruhms willen dem fremden und geringeren Geschmack zu unterwerfen, verhindert nur, endgültig und definitiv universell zu sein.
Denn nicht die vorhergehende Absicht des jeweiligen Schriftstellers entscheidet darüber, was die Weltliteratur an sich nimmt, sondern die Welt selbst, und zwar nicht die Welt der Gegenwart, sondern öfter die der Zukunft.
Daher soll jeder Schriftsteller zunächst und stets davon erzählen, was er am besten und genauesten kennt; er soll zunächst und stets seine Landsleute ansprechen, die seiner Persönlichkeit nahestehen. Das ist ein Unternehmen, welche er und nur er durchzuführen vermag. Höchstwahrscheinlich wird er schließlich auch dadurch den Weltruhm erreichen, aber das hat dann weniger mit seiner Absicht zu tun, als damit, daß er sich für ein spezifisches Thema oder einen spezifischen Stoff als unersetzbar und einzigartig bewährt.
An dieser Stelle denke ich auch an einige chinesische Regisseure (Cheng Kaige, Zhang Yimou, John Wu, u.a.), die ebenfalls an Geschmacks- und Geistesfeinheit bzw. Geschmacks- und Geistesfreiheit einbüßen, nachdem sie von lokalen Beührmtheiten zu universellen geworden sind. Die traurige Geschichte ist universal und kehrt immer wieder.
Auf der anderen Seite ist es augenscheinlich, daß man nicht für die schreiben soll, die die selbe Straße oder die selbe Stadt bewohnen, wie besonders der polemische Schriftsteller versucht ist, es zu tun.
In der „Einleitung“ meint Brandes, daß scharfe Polemik neben Kindlichkeit und abstraktem Idealismus die gegenwärtige dänische Literatur (und Literaturkritik) charakterisiert.
Als Goethe das Wort Weltliteratur prägte, waren Humanismus und Weltbürgertum noch Ideen, die allgemein verehrt wurden. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts hat ein immer stärkeres und eifrigeres Nationalgefühl fast überall diese Ideen zurückgedrängt. Die Literaturen werden heutzutage immer nationaler. Ich glaube indessen nicht, daß Nationalität und Weltbürgertum einander ausschließen. Die Weltliteratur der Zukunft wird um so interessanter sein, je stärker in ihr das nationale Gepräge hervortritt und je mehr sie differenziert ist, wenn sie nur als Kunst zugleich eine internationale Seite hat; was direkt für die Welt geschrieben wird, das wird als Kunstwerk kaum taugen. Ist doch das Kunstwerk eine Festung und keine offene Stadt!
Am Ende greift Brandes auf Goethes Auffassung einer Weltliteratur zurück, deren Entstehung den Zeitgeist von Humanismus und Weltbürgertum widerspiegelt.
Inzwischen verändert sich die Welt, aber eben darum fühlt Brandes sich dafür verantwortlich, die Idee als Gegengewicht zu jenem immer stärkeren und eifrigeren Nationalgefühl wiederzubeleben. Dieser Versuch gelingt ihm nur dann, wenn Nationalität und Weltbürgertum einander ergänzen und ausgleichen.
Brandes’ Idealbild von einer künftigen Weltliteratur ist vielsagend: ohne Nationalität (nationales Gepräge) bewahrt sie keine Differenziertheit; ohne Universalität (internationale Seite) ist sie keine Kunst.
Zur Metapor einer Festung:
1. Differenziertheit; komplexe Schichtungen; interessante Koexistenz einzigartiger und eigentümlicher Nationalliteraturen, die die Welt/Weltliteratur für sich wählt.
2. Kompromisslose Haltung; Beharrlichkeit (Dauer und Ausdauer) und Zuverlässigkeit (Kraft und Potential); Gleichgültigkeit wider den Weltruhm, das allgemeine abstrakte Publikum, dessen geringeren Geschmack und durchschnittliches Bildungsniveau.
3. Geschlossenheit, Unabhängigkeit; Exlusivität, Elitevorstellung (?)
4. Kampfbereitschaft, intellektueller Mut, das Bewußtsein der gegenwärtigen Probleme und der Wille und das Gebot, andere sie auch bewußt zu machen

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