Wednesday, November 24, 2010

Spekulationen über Kafka

Das Schreiben fällt einem schwer, der nicht (mehr) weiß, wem er schreibt, oder wer ihm zuhört.
„Aber Kleist schreibt trotzdem, und er schreibt schön!“ meinst du.
Jawohl. Aber warum reichte er seine Schriften bei Goethe ein? Warum war er seiner Schwester dankbar, welche ihm schweigend gegenübersaß? Und schließlich, selbst für den Freitod suchte und fand er eine Begleiterin—warum war diese ihm wichtig?
„Zugegeben. Aber mit Kafka haben wir doch jemand, der ohne Publikum schreibt. Und er schreibt schön.“
Bist du sicher?
Darüber können wir wohl spekulieren. Ich weise nun nur auf zwei Möglichkeiten hin:
1). Als Kafka vor seinem Tod Max Brod bat, seine Handschriften zu vernichten, wusste er schon, daß Brod sich diesem Willen ganz bestimmt widersetzten würde. Das heißt, daß Kafka eine posthume Veröffentlichung seiner Schriften wollte und arrangierte. Daß heißt, daß Kafka beim Schreiben immer sicher war, es ist nur eine Frage der Zeit, wer sich ihm letztendlich zuwendet und ihn anhört. Daß heißt, daß Kafka ein ungeheueres Publikum im voraus erwartete.
2). Kafka hätte noch viel schöner schreiben können, hätte er in Anwesenheit eines Zuhörers geschrieben, der ihn so perfekt verstand wie du mich.


1 comment:

  1. Wie der Flug der Tauben, deren Fittigschläge jeden einzelnen die Luft wahrnimmt.

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